Nicht mehr der Blick über Istanbul am Morgen, aber auch ganz nett - der Nicht-blick auf unsere Terrasse, auf der wir aber aus Zeitmangel eh nie waren.
Auf nach Troja! Wir machen uns also auf zur "Bushaltestelle" unter der Brücke, Çanakkale ist wirklich hübsch, man kann sich vorstellen, dass hier im Sommer viel los ist.
Wir kommen bei den dolmuş - nein Plural ist wohl dolmuşlar ... okay ... - an und müssen erst einmal feststellen, dass wir zwar gestern so schlau waren, zu checken, ob hier die Busse abfahren, aber nicht wann ... irgendwie dachte ich, da wollen bestimmt viele Leute nach Troja (ich meine TROJA!) aber nee ... eher nicht so. Also müssen wir erst einmal warten - können dann deshalb aber auch noch mal in Ruhe Wasser, Simit und Käse einkaufen.
Einer der ca. 10 Mini-Busse fährt nach Troja und zwar in großzügigen Abständen von zwei Stunden
(die angegebene Internetseite gibt es übrigens nicht)
Tertia und miomarito spielen ein landestypisches Spiel
(eigentlich hatte sie in der Unterkunft in Istanbuls vor, immer in "echt" Backgammon zu spielen, das dort auslag, aber dann fehlte immer die Zeit)
Irgendwann setzten wir uns dann in den Bus, der sich langsam füllte, natürlich nur mit Einheimischen und wir brachen irgendwann so ungefähr zur Abfahrtszeit in Richtung Troja auf. Der Bus hielt ziemlich oft und so waren wir fast eine Stunde unterwegs.
Vorne beim Fahrer waren die Preise für die Fahrt angeschrieben, ich kam mir inzwischen wirklich wie bei Interrail vor 30 Jahren vor als ich in Griechenland unterwegs war - weil alles ähnlich wage, ich der Sprache nicht mächtig und immer die Hoffnung behalten, dass man im richtigen Bus/Zug zur richtigen historischen Stätte unterwegs ist.
Der Fahrer lässt uns direkt am Eingang zum Museum - und wie wir dachte Ausgrabungsstätte - raus
ja, overtourism scheint hier kein so Problem zu sein
Man merkt gleich, dass Troja doch lange "in deutscher (Ausgrabungs)Hand" war
Da ist das neue Museum
Wir folgen den Schildern zur Ausgrabungsstätte:
und stehen am Ende vor einem geschlossenen, aber Video überwachten Tor, das aber auch nur zu einer Straße führt. Also laufen wir wieder zurück, Tertia muss auf die Toilette, am Eingangshäuschen sind aber die Toiletten abgeschlossen, im Museum will man sie nicht auf die Toilette lassen, es sei denn, sie zahlt 27 € Eintritt (ich spüre schon wieder Topkapi-Vibes).
nur noch 500 m bis Troja (und ich dachte, die Heimfahrt sei das Problem ;-))
Aber wir schaffen es dann aber doch, es ist hier kein Mensch unterwegs (wodurch sich Tertias Toiletten-Problem auch zügig lösen lässt) und am Ende kommen wir tatsächlich bei den Ausgrabungen an - und müssen natürlich trotzdem 27€ zahlen. Ich dachte erst es wären 2700lira, was wieder über 50€ gewesen wären, aber nein "nur" 27 Euro.
Ich war wirklich ergriffen, in Troja (oder was auch immer) zu sein, ich hätte nie gedacht, dass ich da mal hinkomme. (Ich bin auch ganz begeistert vom tief dunkelroten Mohn, bei uns ist der ja eher orange und ausgewaschen)
Troja ist ja für Tübinger noch mal etwas "extra" besonderes, weil hier die Uni jahrzehntelang gegraben hat und es zu unserer Studienzeit die große Tübinger Troja-Debatte gegeben hat. Auf der einen Seite der damals in Troja grabende Archäologie-Prof Korfmann und auf der anderen Seite "unser" Althistoriker Kolb (mehr dazu hier). Außerdem hat miomarito früher zu Studiumszeiten mit dem späteren türkischen Professor, der dann in den 2010er Jahren die Ausgrabungen übernommen hat, Fußball gespielt :-). Im Moment wird übrigens nicht ausgegraben.
Deshalb amüsieren wir uns auch sehr über die Zeichnungen auf den Schildern, die eindeutig den Korfmann-Schule folgen (große Unterstadt)
Hier schaut man auf die Eben hinaus und vermutlich war da früher mal Meer
3000 Jahre alte Backsteinmauer
Hier der sogenannte Schliemann-Graben
Um möglichst schnell zum homerischen Troja vorzudringen, liess Schliemann damals einen 40 Meter langen 20 Meter breiten und 17 Meter tiefen Graben quer durch alles durch graben und der Aushub wurde einfach irgendwohin geschmissen (er war halt kein Archäologe).
Das ist die berühmte Rampe von Troja, sie stammt aus der frühbronzezeitlichen Schicht Troja II (ca. 2500–2200 v. Chr.) , wurde von Schliemann ausgegraben und dann ein bisschen verbessert (wird immerhin brav angegeben - eigentlich sah sie so aus). Die über 5 Meter breite Rampe führte durch ein Tor in die Stadt hinein. Links davon hat Schliemann damals den "Schatz des Priamos" gefunden.
Sie können sich vielleicht die Begeisterung unserer 15jährigen Tochter angesichts all dieser historischen Sehenswürdigkeiten vorstellen ... und deshalb war dann auch nach zwei Stunden wirklich Schluß.
Hier übrigens das trojanische Pferd, das Kunstwerk eines - ich glaube - japanischen Künstlers, was in den Rezessionen zu Troja zur großen Kritik führt, weil es nicht das original trojanische Pferd sei (WTF?!) - es hat etwas gedauert bis ich kapiert habe, dass diese Touristen das Original-Pferd aus dem FILM Troja (mit Brad Pitt) sehen wollten ... muss man auch erst mal drauf kommen.
Wir springen dann noch schnell zum Museum, da ist wie gesagt ganz neu, sehr modern und zumindest auf den ersten Blick sehr gut gemacht, aber leider haben wir nicht viel Zeit, der Bus zurück bzw. ans Meer fährt nur alle 2 Stunden und das Kind hat auch keine Lust mehr - außerdem würde es dann wirklich schwierig mit Strand.
Die meisten Sachen, die im Museum gezeigt werden sind aus der Umgebung, nicht aus Troja selbst. Der "Schatz des Priamos" ist ja in Moskau, die Kopien in Berlin und ein paar Sachen sind auch in Tübingen.
Der Sarkophag von Altıkulaç, ist 4. Jahrhundert v. Chr., persisch, wurde hier irgendwo in der Nähe gefunden, also nicht wirklich Troja, aber hübsch
Diese Webstuhl-Gewichte zum Beispiel gibt es auch in Tübingen ... nur nicht so hübsch präsentiert
(also die Sachen, die wir haben, sind "so toll", dass sie wohl nicht einmal zurückgefordert werden)
Tübinger im Museum schauen sich Tübinger im Museum an
So, jetzt aber zum Spaß-Programm des Tages, wir steigen wieder in den dolmuş (der ewig nicht kommt und ich einen halben Nervenzusammenbruch habe, weil der kommt vielleicht gar nicht mehr oder fährt wo anders ab - es gibt ja keine Fahrpläne/Haltestellen, nur diese Schild in Çanakkale, das ich natürlich abfotografiert habe, aber meinte das die Abfahrtszeit hier am Museum?!)
Wir fahren mit offener Tür - solange wir innerorts sind - lustigerweise hat mir mein Vater aus Berlin (!), wo meine Eltern waren, quasi das gleiche Bild geschickt, weil er doch etwas irritiert war, dass mit offener Bustür gefahren wurde und von mir wissen wollte, ob es das in der Türkei auch gäbe - Ja, gibt es - keine Ahnung, was das jetzt über Berlin sagt ;-)
Tertia hatte einen neuen Strand gefunden, ich wusste auch, dass in Güzelyalı die Strände besser werden - ist eben keine große Stadt - und wir erklären (wobei erklären ja immer so eine Sache ist, wenn man keine gemeinsame Sprache hat) also wir erklären dem Busfahrer, dass wir in Güzelyalı aussteigen wollen, müssen dann aber erkennen, dass man uns eben an der Schnellstraße am Stadtrand rauslässt - nein, das war eigentlich klar, weil man eben auf der Schnell/Landstraße nach Troja fährt. Da es aber ein Städtchen ist, müssen wir nicht allzu lange zum Strand laufen:
Und der Strand sieht super aus:
Wir müssen aber erst einmal was essen und kehren beim einzigen Lokal am Strand ein. Die Preise sind wieder vergleichsweise happig, aber der Platz so nett und dann das Essen auch sensationell gut - ich habe eine Salat mit Grillgemüse und Käse und er ist perfekt (und groß) - leider habe ich irgendwie kein Foto gemacht, das Essen wurde sogar hübsch serviert.
Direkt am Strand müssen wir dann leider erkennen, dass der Strand zwar relativ sauber ist, das Meer aber weiterhin voller Quallen. Miomarito bestimmt die Quallen und neben völlig harmlosen gibt es eben auch viele Kompassquallen - und die tun weh. Es ist aber trotzdem schön und wir genießen die Auszeit von Kultur und Herumgelaufe.
Außerdem ist das hier ja der Hellespont/ die Dardanellen ... hier wurde Achill nach seinem Tode im Meer bestattet (ohne Datierung ;-)) ... Hero und Leander spielt hier, der Perserkönig Xerxes I. setzte hier im zweiten Perser-Krieg angeblich mit einer Brücke aus Schiffen über die Meerenge, die Athener verloren hier die Schlacht bei Aigospotamoi und verloren damit den Peloponnesische Krieg, Alexander der Große setzte hier auch übers den Hellespont usw. bis 1915 zur Schlacht von Gallipoli, bei der - hauptsächlich - Engländer und Franzosen vergeblich versuchten, die Meerenge zu erobern (deshalb heisst die Brücke über die Dardanellen/Hellespont auch Çanakkale-1915-Brücke, der Sieg ist für die Türken sehr wichtig) Über 100 000 Tote ... relativ viele Australier, man kann hier auch reines 1. Weltkrieg "Sightseeing" machen, Marine Museum, Soldatenfriedhöfe, aber wir halten uns an die verklärte Antike. Ach und Lord Byron schwamm angeblich auf die andere Seite, der Spinner.
Heute kann man Tanker beobachten, die fahren nach Istanbuls und/oder weiter nach Rumänien oder Bulgarien oder Russland ...
Es wird langsam Abend, wir packen unsere Sachen und überlegen uns, wie wir jetzt nach Hause kommen ... weil: nachschauen kann man ja nirgends. Also laufen wir zu so etwas wie der Hauptstraße und halten Ausschau nach einer Bushaltestelle - wir haben in sofern Glück, dass es eine klar erkennbare Bushaltestelle gibt. Nur keinen Fahrplan, also warten wir ab - zusammen mit einer netten Katze - was sonst ;-) - wird schon irgendwann ein Bus kommen.
Irgendwann kommt ein Bus, der Fahrer nickt bei Çanakkale und so gondeln wir fast eine Stunde an der Küste entlang nach - immerhin - Çanakkale
(Man sieht es nicht, aber die Katzen hatten einen Berg Fisch zu Abendessen bekommen)
Abschluss des Abends: Kazandibi - so etwas wie Leche fritta auf türkisch - sehr lecker





































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