Wir machen ja im Sommer am Lago so eher nichts, also schon: viele Leute treffen, viel Schwimmen, viel am Strand liegen, Segeln, Essen und Feste feiern. Da liegt zum einen daran, dass wir natürlich in 24 (ich) bzw. 53 (miomarito) Jahren auch schon viel gesehen haben - wenn auch noch einiges fehlt - und zum anderen natürlich daran, dass im Sommer die Hölle los ist und man in der Regel versucht, sich so wenig wie möglich mit dem Auto am See entlang zu bewegen.
Miomarito wollte aber in der letzten Woche dieses Mal doch noch etwas "echtes" unternehmen und sich den Vittoriale degli Italiani (Siegesdenkmal der Italiener) ansehen bzw. uns zeigen, denn eigentlich war er vor vielen, vielen Jahren schon mal dort gewesen. Ich wollte erst nicht so wirklich, weil der Vittoriale von D'Annunzio errichtet worden ist, einem ... wenn man es wohlwollend meint ... faschistisch-nationalistischen Dichter-Spinner. Gabriele D'Annunzio ist ein, in Deutschland nicht unbedingt bekannter, italienischer Schriftsteller - von Art und Durchgeknalltheit vielleicht mit George zu vergleichen - der als Ideengeber des italienischen Faschismus gilt. Und von dem soll ich mir jetzt seine Villa usw. anschauen?! Auf der anderen Seite des Sees?!
Wir brauchten nur zwei Stunden, um den See zur Hälfte zu umrunden ... Tertia und ihre Freundin hatten schon am Tag vorher beschlossen, dass sie zwar mitfahren würden, aber sich dann sicher nicht diesen "Park" anschauen würden und so zogen miomarito, Silencia und ich eben alleine los.
Eins wir einem schon vorm Betreten des eigentlich Geländes (es ist tatsächlich eine Art großer Park mit diversen Gebäuden) klar, da hat sich jemand ein wirklich schönes Plätzchen ausgesucht (ich finde, dass man das oft auch bei Klöstern spürt, also dass man eben denkt, wow, die wussten, wo der ideale Platz für so ein Kloster ist - Zisterzienser konnten das sehr gut):
und er hatte einen guten Architekten (Giancarlo Maroni aus Riva del Garda)
Ich schreibe hier jetzt nicht ganze Geschichte des Vittoriale auf, das ist
hier bei Wikipedia recht gut zusammengefasst.
Was auch gleich auffällt: das ist zwar in Teilen faschistische Architektur (mein Architekten-Bruder stöhnt jetzt vermutlich, weil der Begriff eigentlich falsch ist, aber Sie wissen, was ich meine), aber der Teil, dass der Baustil zur Einschüchterung des Individuums dienen soll, wurde hier nicht angewendet. Die ganze Anlage ist erschreckend angenehm ...
Selbst das Freilichttheater wirkt jetzt nicht wie das Berliner Olympiastadion und wurde (!) 1953 nach alten Plänen fertiggestellt - womit wir beim nächsten Problem wären, so etwas wie eine Einordnung oder kritische Auseinandersetzung mit D'Annunzio, seinen Taten (dazu gleich), seiner Freundschaft mit Mussolini und der gesamten Zeit - gibt es einfach nicht.
(Vorbild waren übrigen antike römische Theater in Süditalien u.a. Pompeji)
Bekannt ist der Vittoriale auch deshalb, weil d'Annunzio ein halbes echtes Schiff hat in den Park einbauen lassen (geschenkt bekam er es von Mussolini, im Parkt wird daraus:von der italienische Marine)
Das ist die Puglia, ein italienisches Kriegsschiff, dass seinem ehemaligen Kapitän gewidmet ist, der bei Aufständen in Split (gegen die Italiener) gestorben war (es ist kompliziert, die ganze Adria-Krise lernt man ja bei uns jetzt nicht unbedingt im Geschichtsunterricht - aber es ging im Prinzip darum, welche Teile des ehemaligen habsburgischen Reichs nach dem 1. Weltkrieg an Italien gehen und welche an das neue Königreich Jugoslawien (bzw. Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen). Italien und vor allem D'Annunzio und seine Freunde wollte mehr haben als Italien zugesprochen worden war. Das Schiff ist übrigens auf die Adria ausgerichtet ...
Es gibt noch weitere, vielleicht nicht ganz so fragwürdige Militär-Erinnerungsstücke (D'Annunzio war begeisterter Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen), so zum Beispiel das Torpedoboot MAS-96 mit dem D'Annunzio zusammen mit Freunden (und weiteren Booten) 1918 versucht hatte, die Österreicher in Fiume (Rijeka) anzugreifen (Beffa di Buccari)
oder das Flugzeug, mit dem d'Annunzio (und andere) gegen Ende des 1. Weltkrieges
Flugblätter über Wien abgeworfen hat
Neben diesen militärischen Erinnerungsstücken gibt es aber einfach ein wunderschönes, sehr geschmackvolles Park-Gelände anzusehen - wir waren nicht im Haus d'Annunzios, einfach wegen der Zeit. Ich bin mir aber auch nicht sicher, ob ich dann noch so ästhetisch begeistert gewesen wäre (
hier).
sonst einfach hübsch da
Leider sind vor ein paar Wochen bei einem Sturm sehr viele Bäume im Park umgestürzt und deshalb kann man nicht überall hin (hier sieht man in eine der "Schluchten" oder besser Tälchen hinunter, es gibt zwei, das eine heisst Valletta dell’Acqua savia (Tälchen des klugen Wassers) das andere Valletta dell’Acqua pazza (Tälchen des verrückten Wassers).
Ein weiteres "Highlight" ist das Mausoleum, das 1955 (!) nach Plänen von 1938 (da starb D'Annunzio) errichtet wurde, Vorbilder sind wohl römisch-etrukskische Gräber und irgendwas mit Dante - das Ganze ist leider wieder sehr beeindruckend und gut gemacht:
Das Mausoleum wurde gerade komplett restauriert
Der Hund da ist mit einigen anderen Hunden ein neueres Kunstprojekt, D'Annunzio liebte seine Hund, ich bezweifle allerdings etwas, ob das so seine Idee gewesen wäre, das ganze Mausoleum ist ja schon sehr, sehr streng gestaltet.
In dem Mausoleum liegen neben D'Annunzio auch noch weitere "Helden von Fiume"
Ja, also, schon einen klare Besuchsempfehlung, auch wenn man immer irgendwie doch ein ungutes Gefühl dabei hat, aber es ist einfach schön dort und ja auch historisch interessant. Denn Rest muss man sich eben anlesen, groß eingeordnet wird vor Ort eben eher nicht (gar nicht, würde ich sagen, aber vielleicht habe ich auch was übersehen).