Eigentlich stand ja
Aus Liebe zum Wahnsinn: Mit sechs Kindern in die Welt von Georg Cadeggianini auf meiner Leseliste, ein Buch, das mir meine Eltern zu Ostern geschenkt hatten u.a. auch weil ich mir bisweilien bei meiner Mutter Cadeggianinis Kolumne aus der Brigitte stibitzt hatte, um mir diese an den Kühlschrank zu heften. Dann habe ich aber festgestellt, dass ich nach 22 Uhr kein besonders großes Bedürfnis habe, etwas über Windeln, Kindergärten und nervige 5Jährige zu lesen. Also erst einmal beiseite gelegt.
Dann waren wir an Pfingsten ja wieder bei meinen Eltern und mein jüngster Bruder drückte mir
Tschick von Wolfgang Herrndorf in die Hand, mit den Worte, er habe es seit Jahren nicht mehr geschafft, ein ganzes Buch zu lesen, aber diese im Urlaub in einem Rutsch, viel gelacht und ich solle es doch lesen, bevor ilfiglio 14 werde ;-)
Und was soll ich sagen, ich war gleich nach der ersten Seiten begeistert, Literatur! Echte! Ein wunderschöner Roman! Ha! (Dass ich nicht die einzige mit dieser Meinung bin und in den letzten Jahre echt nichts mehr mitbekommen haben, zeigt die Tatsache, dass Tschick mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Clemens-Brentano-Preis und dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnet wurde und monatelang auf den Bestseller-Listen stand ... was ich erst nach dem Lesen herausgegoogelt habe ...)
Tschick erzählt die Geschichte von Maik und eben Tschick, zwei 14 Jährigen Jungs aus Berlin. Beide Außenseiter, Maik (der Erzähler), weil er ein Langweiler ist und Andrej
Tschick Tschichatschow, neu in der Klasse, russischer Spätaussiedler, der es von der Sonderschule ins Gymnasium geschafft hat und dort morgens regelmäßig betrunken aufschlägt. Die Sommerferien stehen vor der Tür, das beliebteste Mädchen der Klasse feiert eine Party und die beiden Jungs werden als einzige nicht eingeladen.
Maik ist alleine zu Hause, seine Mutter ist in einer Entzugsklinik, sein Vater mit der Geliebten in Urlaub, und irgendwie steht Tschick mit einem geklauten Lada vor seiner Tür und die beiden beschließen, nicht nur eine Spritztour zur Party sondern auch gleich - mit dem von Maiks Vater dagelassenen Geld - in die Walachei zu Tschicks Onkel (oder wohin auch immer) zu machen.
Was nun beginnt ist eine Art Roadmovie und gleichzeitig ein klassischer Bildungsroman, der mit viel Witz, Humor und Liebe geschrieben ist. Die beiden erleben Abendteuer, treffen auf unterschiedlichste Menschen, handeln die wichtigen Themen des Lebens ab und manövrieren sich auf Grund ihres Alters natürlich auch immer wieder in die brenzligsten Situationen. Ich habe teilweise Tränen gelacht, zum Beispiel wenn die beiden versuchen, sich mit schwarzem Klebeband Kevin-Kuranyi-Bärte ins Gesicht zu kleben, um so auf der Autobahn im Vorbeifahren nicht als 14 Jährige erkannt zu werden.
Mein Resümee, ich habe schon lange nicht mehr so ein gutes, schräges, poetisches und vor allem positives Buch gelesen, unbedingt lesen, an Teenager verschenken und hoffen, dass alle das Leben vielleicht ein bisschen mehr wie Maik sehen, der am Ende erklärt:
Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Wenn man Nachrichten kuckte: Der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV kuckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.
P.S.: Und falls jemand einen Teenager zu Hand hat, der das Buch gelesen hat, würde mich interessieren, ob das "die Jugend" auch so sieht, also dass das ein ganz tolles Buch ist.
P.P.S.: Und noch ein paar Links: Die
Seite des Buchs bei Verlag, eine schöne
Kritik aus der SZ, die
Begründung der Jury des Jugendliteraturpreises und ein
Interview mit dem Autor aus der FAZ.