mercoledì 17 febbraio 2010

Melnitz

Da ich es auf der Rückfahrt von Genua geschafft habe, die letzten Seiten meiner derzeitigen Lektüre zu Ende zu lesen, gibt es jetzt zur Abwechslung mal wieder einen Literatur-Tipp:


Melnitz von Charles Lewinsky

Lewinsky erzählt in seinem fast 800 Seiten starke Buch die Geschichte der jüdisch-schweizerischen Familie des Salomon Meijer. Sie beginnt im Jahre 1870 und endet 1945, beschreibt den Aufstieg der Familie, ihren Umzug aus dem ländlichen Aargau in die Großstadt Zürich, ihre Emanzipation, das ganz normale Leben mit Hochzeiten, Geburten und Todesfällen, aber auch den erfolglosen Kampf darum, als ganz "normale" Schweizer anerkannt zu werden. Am Ende zerstört die Erkenntnis über das, was in Deutschland geschehen ist, endgültig die Hoffnung auf ein normales Leben.

Das Buch liest sich sehr gut, die vielen hebräischen und jiddischen Wörter werden hinten in einem Glossar erklärt und man merkt die viele hundert Seiten beim Lesen nicht. Außerdem bekommt man wirklich einen guten Einblick in das jüdische Leben, die verschiedenen Strömungen innerhalb der jüdischen Gemeinden, die Geschichte der Juden in der Schweiz und Osteuropa.

Trotzdem bin ich nicht 100%ig begeistert, kann aber nicht erklären warum. Das Buch ist gut, keine Frage, die Sprache und der Stil nicht super anspruchsvoll, der Autor hat sich sehr viel Mühe mit dem historischen Hintergründen gegeben (woran ich ja sonst immer rummeckere) und trotzdem ... ich weiß es nicht ... vielleicht sind einige Aspekte der Familiengeschichte zu vorhersehbar, zu schablonenhaft gewesen. Einer der Enkel Salomon Meijers erkennt zum Beispiel im Laufe seiner Arbeit als Arzt bei einem Ringerverein seine Homosexualität und das war sooooo etwas von klar (schon 200 Seiten vorher!), dass ich es schon als etwas nervig empfand. Ebenso eine "überraschende" Schwangerschaft und eine "plötzliche" unstandesgemässe Liebe, auf die ich nur mit "na endlich, wurde aber auch Zeit" reagiert habe. (Vielleicht kann Vreni mir da weiter helfen, die das Buch nicht nur gelesen hat, sondern mir auch geschenkt hat! Danke nochmals!)

Trotzdem ist das Buch absolut lesenswert. An mein Lieblingsbuch Nächstes Jahr in Jerusalem von Andre Kaminski und die literarisch wirklich hervorragende Familiensage Die Familie Moschkat von Isaac Bashevis Singer reicht es nicht heran, aber allein die Szene in der sich François Meijer taufen lässt und oben in der Kirche an der Orgel der eigentlich schon jahrhundertlang tote Onkel Melnitz (der immer wieder auftaucht und der dem Buch seinen Namen gegeben hat) Kol Nidre spielt muss man einfach gelesen haben.


KOMMENTARE:

vreni ha detto...
ich kann nur schwer beschreiben, weshalb mich das buch so gefesselt hat. einerseits weil ich familiensagas sowieso gerne mag, andererseits wegen dem bezug zu zürich. ich musste oft an meinen netten nachbarn im 1. stock denken, den 94jährigen juden und habe mir überlegt, dass er viele ähnliche geschichten wirklich erlebt haben muss. ich fand auch nicht alle passagen und geschichtsstränge gleich gut. aber ich lese relativ unreflektiert… ;-)
freut mich aber, dass es dir einigermassen gefallen hat.

vreni ha detto...
übrigens, hast du Eine Geschichte von Liebe und Finsternisvon amos oz gelesen? das hat mir auch sehr gut gefallen.

io ha detto...
@vreni: Also ich fand das schon gut und gerade zum Schmökern wirklich ideal. Ich muss halt nur immer etwas zum Rummeckern haben ;-)

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis habe ich noch nicht gelesen.


stadtfrau ha detto...
vielleicht gefällt dir auch "vienna" von eva menasse (geschichte einer jüdischen wiener familie über mehrere generationen).

ich lese auch gern familiensagas, "nächstes jahr in jerusalem" gefällt mir auch sehr gut, ein paar seiten fehlen mir noch.

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